Fassadengrün de luxe in Stuttgarts Mitte

Ein Leuchtturmprojekt mit überregionaler Strahlkraft soll es werden – das hat sich die Stadt Stuttgart mit der üppigen Begrünung des Neubauprojekts „Calwer Passage“ vorgenommen. Und das ist auch gelungen: Das vielfältig wuchernde Grün auf Dach und Fassade des Gebäudekomplexes ist ein wohltuender grüner Blickfang inmitten des komplett verbauten Stadtzentrums.

Gleichzeitig dämpft das Grün den Lärm, verbessert die Luftqualität, bindet Feinstaub und Feuchtigkeit und trägt durch Verdunstung und Verschattung zur Kühlung des Mikroklimas bei.

Der erste Blick auf das Stuttgarter Grünprojekt: Ansicht von der Langen Straße/Ecke Theodor-Heuss-Straße. Die Bäume auf dem Dach müssen besonders gut verankert werden, um auch Stürme zu überstehen (alle Fotos von Ende Sept. 2022).
Spektakulär: Beginn der ca. 120 m langen begrünten Front entlang der Theodor-Heuss-Straße (von der Langen Straße aus gesehen).

Der Ort für das Grünprojekt ist gut gewählt: Der Hauptteil der riesigen Grünfront zieht sich entlang der Theodor-Heuss-Straße. Für alle Nicht-Ortskundigen: Die Theodor-Heuss-Straße ist eine vierspurige, vielbefahrene Verkehrsachse (Teil der B 27a) mitten durch Stuttgart.

Das begrünte Bürogebäude entlang der Theodor-Heuss-Straße bis zum Rotebühlplatz.

Bei dem Projekt wurde an nichts gespart, nichts dem Zufall überlassen. Der Planung vorausgegangen waren Informationsreisen nach Singapur, Mailand und Basel – Metropolen, die schon umfangreiche Erfahrungen mit lebenden Wänden und vertikalen Gärten besitzen.

Schon ab 2019, drei Jahre vor der Fertigstellung des weit über hundert Meter langen, gewaltigen Gebäudekomplexes, wurden die ca. 2000 Spezialcontainer mit Pflanzen bestückt. So hatten die Pflanzen bis zur Fertigstellung des Neubaus im Herbst 2022 ausreichend Zeit zu wachsen.

Die Pflanzgefäße sind auf horizontal umlaufenden „Bändern“ vor der eigentlichen Fassade untergebracht. Verwendet werden nur einheimische Pflanzen – eine jahreszeitliche Veränderung des Erscheinungsbildes (Laubfärbung, Laubfall) sind gewollt. Durch die Mischung mit immergrünen Pflanzen wird die Fassade aber zu keiner Jahreszeit völlig kahl erscheinen.

Bewusst kommen ausschließlich einheimische, pflegeleichte Pflanzen zum Einsatz. Die grüne Hülle bilden ua. Immergrün, Winterjasmin, Strauch-Efeu, Clematis; gekrönt wird das Ganze durch einen Mini-Mischwald auf dem Dach.

So wild überwuchert die Fassade auch daherkommt, dahinter steht ausgeklügelte Hightech. Die Pflanzcontainer sind in einer sog. vorgehängten Fassade verankert. Dh., vor der eigentlichen Gebäudefassade befindet sich vorgebaut eine eigene Konstruktion für die Pflanzen. Diese trägt das Gewicht der Pflanzcontainer (und hin und wieder auch das der Gärtner und Gärtnerinnen).

Darüber hinaus muss das Tragegerüst so robust gebaut sein, dass es auch Stürmen mit Starkregen und hohen Windlasten standhält. Jeder einzelne Pflanzcontainer enthält Feuchte- und Temperaturfühler und ist an eine Bewässerungsleitung angeschlossen.

Ansicht vom Rotebühlplatz aus Richtung Westen.

Das Mammut-Begrünungsprojekt „Calwer Passage“ ist auf alle Fälle ein Eye-Catcher und ein großer Gewinn für die Stuttgarter Innenstadt – jedoch ist dieses Projekt inmitten der City nicht viel mehr als ein Tropfen auf dem heißen (Beton-)Stein. Fassadenbegrünung muss Schule machen und sich in großem Maßstab verbreiten, wenn nennenswerte Wirkung erzielt werden soll.

Eines ist dabei klar hervorzuheben: Fassadenbegrünung geht auch wesentlich einfacher und kostengünstiger. Vor allem bei Privathäusern ist es gar nicht nötig, so einen gewaltigen Aufwand zu treiben. Kletterpflanzen benötigen nur wenig Erde, um zu gedeihen, notfalls reicht auch ein Kübel, um üppige Ranken sprießen zu lassen. Mit etwas Beratung durch einen Fachmann kann jeder seine Fassade begrünen – sofern es sich nicht gerade um ein denkmalgeschütztes Haus handelt. Mehr zum Thema Fassadenbegrünung…

Front am Rotebühlplatz (Blick nach Nordosten); deutlich zu erkennen sind die strickleiter-ähnlichen Rankhilfen zwischen den Geschossen.

Weitere repräsentative Begrünungsprojekte:
Am ehesten kommt das Großprojekt „Calwer Passage“ optisch und von der Gesamtanlage dem „Bosco Verticale“ (= Senkrechter Wald) in Mailand nahe. Hier wurden die beiden Zwillingstürme eines Hochhauskomplexes außen begrünt (2014). Bilder + Info unter: Wikipedia „Bosco Verticale. Der Trudo Tower im niederländischen Eindhoven zeigt, wie ein vertikaler Wald auch relativ günstig herzustellen ist – nämlich innerhalb eines Projekts des sozialen Wohnungsbaus.

Auch in weiteren deutschen Großstädten entstehen nach und nach spektakuläre Projekte in punkto Fassadenbegrünung, zB. in Düsseldorf (Kö-Bogen-II), München (geplante Fertigstellung des Hochhauses im Arabellapark 2025) und Hamburg (Hochbunker in St. Pauli).


Zum Nach- und Weiterlesen:

Mehr Infos zum Stuttgarter Grünprojekt unter https://calwer-passage.de/fassade/.

Die häufigsten Fragen und Antworten zur Konstruktion, zur Pflanzenauswahl und den Risiken etc. der begrünten Fassade der Calwer Passage finden Sie hier.

Infos zu den vielfältigen Leistungen einer begrünten Fassade finden Sie hier.

Einen Überblick über Großprojekte in Sachen Fassadenbegrünung/vertikaler Wald samt kritischer Bewertung gibt das Deutsche Architektenblatt DAB von 30.06.2020. „Grüne Städte/Urban Green“ ist auch das Thema der Architekturzeitschrift Detail in ihrer Juli-Ausgabe von 2022.