Ständiger Schwund von Grün
durch Baumaßnahmen

Jedes unbebaute Fleckchen weckt in Heidelberg sofort Begehrlichkeiten…

…oder ist schnell durch Baumaßnahmen gefährdet. Das zeigt z.B. ein Blick in die RNZ-Ausgaben der letzten Monate. Allein im Februar 2021  standen in der RNZ drei solche Meldungen:
  • Einmal ging es Anfang Februar um die Beeinträchtigung der Grünanlage am Montpellierplatz durch Umbaumaßnahmen an der Stadthalle. [1]
  • Zwei Wochen später, am 20.02.2021, folgte ein Bericht über die Zukunft des Betriebshofs. Die im Zuge der Erweiterung der Kapazität geplante Errichtung von dezentralen Abstellflächen für Straßenbahnen auf fruchtbarem Ackerland in Rohrbach-Süd rief den Protest von Rohrbacher Bürgerinnen und Bürgern hervor, unterstützt durch die Bürgerinitiative „Ökologische Mobilität“. [2]
    Immerhin – das soll nicht verschwiegen werden – war im gleichen Artikel auch davon die Rede, dass nach jüngsten Planungen gewissermaßen als Ausgleich der alte Betriebshof ein begrüntes Dach erhalten und zudem gleich angrenzend ein kleiner Park entstehen soll.
  • Einen Tag später ging es in einem Artikel auch (mal wieder) um den Pentapark bzw. seine mögliche Teil-Bebauung durch die geplante Marriott-Erweiterung. [3]
Und im März/Anfang April 2021 war die geplante Verlagerung des Ankunftszentrums auf die Wolfsgärten das große Thema in der RNZ.

Hierbei ging es nicht nur um die Frage, ob die „Wolfsgärten“ in ihrer abgeschiedenen Lage für die Aufnahme von Flüchtlingen überhaupt zumutbar seien, sondern auch darum, ob dort der wertvolle Ackerboden versiegelt werden soll. In einem Bürgerentscheid am 11. April 2021 entschied sich die Bürgerschaft mit großer Mehrheit gegen eine Bebauung der Wolfsgärten. Mehr dazu unter Bürgerinitiativen.

Ebenfalls Thema im Frühjahr 2021: Diskussion um die mögliche Nutzung von fruchtbaren Grünflächen in Rohrbach-Süd als Abstellplatz für Straßenbahnen.

In jüngster Zeit gab es auch eine ganze Reihe von baubedingten Baumfällungen:

Beispiele für grüne Oasen, die in jüngerer Zeit verschwunden bzw. akut in ihrer Existenz bedroht sind, finden Sie unter den Rubriken „Grün – verloren bzw. bedroht, zersiedelt“ usw.

Ein Teil der gefällten Bäume INF für den Neubau der PH.

Besonders im Neuenheimer Feld kam es zu sehr vielen Baumfällungen in den letzten Monaten.

Baurecht vs. Baumrecht

In Heidelberg gibt es eine städtische Baumschutzsatzung, die Bäume mit einem Stammumfang von mehr als 100 cm (Obstbäume von mehr als 80 cm) ganzjährig schützt. Die Baumschutzsatzung erweist sich jedoch in der Praxis als zahnloser Tiger, denn die Ausnahmen sind zahlreich, insbesondere bei Bauvorhaben. Unterm Strich wird letztlich jeder Baum gefällt, der einem Bauvorhaben im Weg steht; eine Begründung lässt sich immer finden.

Nun hat man, anlässlich einer sehr umstrittenen Baumfällung in der Südstadt Ende Februar 2021 bei der Verwaltung selbst erkannt, dass „immer wieder (…) bei Bauprojekten aus unterschiedlichen Gründen erhaltenswerte Bäume weichen“ müssen (Kurzmeldung in der RNZ vom 22.03.21).

Ein neues „Prozesspapier“ soll künftig den Schutz von Bestandsbäumen verbessern und gewährleisten, dass „im unvermeidbaren Fall einer Fällung“ zuständige Gremien und die Allgemeinheit rechtzeitig darüber informiert werden. Der Fokus dieses neuen Papiers, das auf den Weg gebracht werden soll, liegt, so klingt es zumindest, auf der besseren Kommunikation mit der Öffentlichkeit, nicht darauf, dass es zu weniger Fällungen kommt.

Anstoß zu dem angekündigten neuen „Prozesspapier“ gab die überraschende Fällung einer Linde in einem Baufeld in der Kirschgartenstraße. Der Erhalt des Baumes war zugesichert worden, aufgrund eines „Messfehlers“ in den Plänen (so die nachträgliche Begründung) kam es dann aber doch sehr kurzfristig zur Fällung, was einen Sturm der Entrüstung bei zahlreichen Bürgerinnen und Bürger auslöste. (Vgl. dazu den Artikel von Denis Schnur: „Linde wurde wegen ‚altem Messfehler‘ gefällt“, in: RNZ vom 17.03.2021); https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberger-suedstadt-linde-wurde-wegen-altem-messfehler-gefaellt-_arid,643192.html).

Häufig ungenügende Ersatzpflanzungen

Müssen Bäume gefällt werden, sind laut Baumschutzsatzung Ersatzpflanzungen vorzunehmen. Auch diese Vorschrift liest sich besser als ihre Umsetzung.

Ersatzpflanzungen sind ganz häufig kein adäquater Ersatz für die ursprünglichen Bäume am Standort. Schon allein aus dem einfachen Grund, dass Jungbäume auf Jahr(zehnt)e hinaus kein gleichwertiger Ersatz für alte Großbäume sein können. Auch ist fraglich, ob die Jungpflanzen angesichts des Klimawandels jemals Alter und Größe ihrer Vorgänger erreichen.

Oftmals ist auch nach Fertigstellung des Bauvorhabens kein ausreichender Platz mehr für Bäume mit großen Kronen. Die Ersatzpflanzungen bestehen dann z.B. aus schmalwüchsigen Sorten mit schlanken Kronen. Mehr dazu

DER NEUBAU DER FIRMENZENTRALE VON HEIDELBERGCEMENT Der Name ist Programm; Grün spielt hier nur eine marginale Rolle. Ganz rechts im Bild bei Vergrößerung erkennbar drei schmächtige Bäumchen – kein annähernder Ersatz für den Grünstreifen mit mehreren großen Bäumen vorher (s. Foto unten).
Völlig anderer Gesamteindruck: Das alte Hauptverwaltungsgebäude von HeidelbergCement mit Grünanlagen und großen Bäumen. Foto: Unbekannter Urheber.

Echter Schutz nur für Bäume mit Naturdenkmal-Status

Nur wenn es sich bei einem Baum um ein sog. Naturdenkmal handelt, genießt der Baum umfassenden Schutzstatus. Dafür reicht es nicht automatisch aus , dass ein Baum alt und imposant aussieht oder eine außergewöhnliche Form besitzt. Die Aufnahme eines Baums in die Liste der Naturdenkmäler muss beantragt und genehmigt werden; erst dann gilt der betreffende Baum als Naturdenkmal.

Die abgebildete Sumpfzypresse steht auf privatem Grund in der Bergstraße/Ecke Kussmaulstraße.
Die Eigentümer haben den exotischen Baum zum Naturdenkmal erklären lassen. Damit ist er vor baubedingten Fällungen geschützt.

Eine Liste der Heidelberger Naturdenkmäler finden Sie hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Naturdenkmale_in_Heidelberg.

Die Baumschutzsatzung der Stadt Heidelberg ist als PDF einsehbar über Wikipedia, Art. „Baumschutzsatzung“; dort finden sich auch Links zu den Baumschutzverordnungen vieler anderer deutscher Städte; https://de.wikipedia.org/wiki/Baumschutzsatzung (Stand vom 12.04.2021).

Unzureichender Schutz von Bäumen auf Baustellen

Von der Stadt Heidelberg gibt es Richtlinien für den Baumschutz auf Baustellen. Doch sehr häufig kommen diese nicht zur Anwendung. Sehr krass missachtet wurden die Vorschriften auf der Baustelle für den Neubau der PH, wie ihr in meinem Blogeintrag vom 30. Juni 2021 sehen könnt.

Hier 2 weitere Beispiele.

  1. Baustelle in der Straße „Im Neuenheimer Feld“, Nähe Institut für Geowissenschaften/Museum INF 235.
Kein Stammschutz; außerdem pflügt der Bagger durch den stammnahen, besonders empfindlichen Wurzelraum. Wurzeln werden einfach abgerissen.
Baustelle: Straße „Im Neuenheimer Feld“, die betroffenen Mammutbäume gehören zum Tertiärgarten.
Fotos: vom 3. Juli 2021.
Abgerissene Wurzeln.
Die neuen Leitungen wurden ohne Rücksicht auf die Mammutbäume viel zu nah am Stamm verlegt.
Freihängende Wurzelenden, die vertrocknen.

2. Baustelle am DKFZ in der Kirschnerstraße

Die Bäume sind zwar immerhin mit einem Stammschutz versehen, aber dieser ist viel zu knapp bemessen. Die Richtlinien für den Baumschutz auf Baustellen verlangen einen Stammschutz in Weite des Kronendurchmessers. Ein großer Ast musste abgesägt werden, damit die Baumaschinen agieren können; er liegt vertrocknet am Boden (im Foto rechts neben dem Stammschutz).
Hier sieht man nochmal deutlich, dass der Schutz viel zu klein ist. Noch nicht einmal die überaus empfindlichen stammnahen Wurzeln sind geschützt (erkennbar an dem von den Wurzeln aufgewölbten Boden).
Schwere Lasten, die im stammnahen Wurzelbereich lagern – ein absolutes No-Go, wegen dem ausgeübten Druck und weil die Atmung der Wurzeln behindert wird. Alle Fotos vom 3. Juli 2021.

Schwund von Grün durch den Klimawandel

Der Klimawandel wirkt sich auch auf das Stadtgrün aus, insbesondere auf die Bäume.

Die langen, heißen Trockenperioden der letzten Sommer haben viele Bäume vertrocknen lassen oder so geschwächt, dass sie dadurch Parasiten gegenüber keine Abwehrkraft hatten.

Die Folge: Es kommt noch Monate nach den Trockenperioden zum Dahinsiechen und Absterben von Bäumen.

Ein Beispiel für einen hitzegeschädigten Baum ist der Kirschbaum auf dem Foto rechts. Er ist größtenteils abgestorben, die Rinde ist gerissen und nur ein paar wenige Ästchen treiben noch aus.

Mehr zum Klimawandel und seinen Auswirkungen auf die Stadtbäume finden Sie hier.

MEHR TOT ALS LEBENDIG Der Kirschbaum vor der Mönchhofschule erlebt seine letzte Saison; Mönchhofstraße, Neuenheim.


Zum Nachlesen:

[1] „Naturschützer gegen unterirdische Bebauung“, RNZ vom 6./7. 02.2021; https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-naturschuetzer-gegen-unterirdische-bebauung-fuer-die-stadthalle-_arid,622273.html.

[2] Julia Lauer: „Wie geht es weiter mit dem Betriebshof?“, RNZ vom 20./21.02.2021; https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-wie-geht-es-weiter-mit-dem-betriebshof-_arid,629740.html.

[3] Holger Buchwald: „Wird das Marriott doch noch erweitert?“, RNZ vom 22.02.2021; https://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-heidelberg-wird-das-marriott-hotel-doch-noch-erweitert-_arid,630478.html.