Frisches Grün für graue Fassaden

Der Blauregen mit seinen prächtigen blau-lila Blüten­kaskaden, der Wilde Wein mit herbstlich leuchtend roten Blättern, die Clematis mit ihren silbrig schimmernden Fruchtständen im Winter: Viele Kletter­pflanzen sind attraktive Gewächse, die sich im Jahresverlauf immer wieder neu präsentieren.

Blauregen; Blumenthalstraße, H’heim.
Wilder Wein; Uferstraße, Neuenheim.

Doch Optik ist nicht alles: Die Begrünung von Fassaden mit den genügsamen Kletterern bietet gerade in der Innenstadt eine unaufwendige und kosten­günstige Möglichkeit, viel Grün ins Betongrau zu bringen.

Eine begrünte Fassade hat viele Vorteile:

  • Kletterpflanzen beschatten und kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung – wichtig gerade in unseren heißen Innenstädten.
  • Sie binden Staub und dämpfen den Lärm.
  • Sie schützen die Fassade vor Umwelt­einflüssen, mildern Hitze und Kälte.
  • Sie bieten vielen Tieren Nahrung und Lebensraum; die Biodiversität wird gestärkt.
  • Unschöne Mauern verschwinden hinter der Begrünung.
  • Sie schaffen einen vertikalen Grünraum in der Stadt, auch an Stellen, wo kein Platz für öffentliche Grünflächen ist.
Nur eine Handbreit Boden – aber jede Menge Grün: Eine kahle Wand verschwindet hinter Grün. Gleichzeitig wirkt das Blätterwerk kühlend und lärmdämpfend.
Im Winter kann man es sehen: Im Gewirr der Lianen des Blauregens sind viele Nester verborgen. Aber auch Insekten und Kleintiere finden darin Unterschlupf und Lebensraum.
Fassadengrün ist Lebensraum: Im Efeudickicht hat sogar ein Uhu sein Neststilvoll an den Betontürmen der Unibibliothek(!) .

Klimmer, Ranker oder Schlinger? Nicht jede Kletter­pflanze passt überall.

Autonom: Die Selbstklimmer

Efeu (Hedera) und Wilder Wein (Parthenocissus) gehören zu den Selbstklimmern. Das heißt, sie benötigen keine Aufstiegs­hilfen. Das ist einerseits praktisch, denn sie bringen alles, was zum Klettern nötig ist, selbst mit. Nachteilig ist aber auf der anderen Seite, dass sie sich mit Haftwurzeln (Efeu) oder Füßchen (Wilder Wein) fest mit der Fassade verbinden. Entfernt man die Pflanzen, bleiben Rückstände an der Wand. Da die Haftwurzeln auch in Ritzen hineinwachsen können, eignen sich Selbstklimmer nur für glatte Wände.

Wärme­gedämmte Fassaden sind für Selbstklimmer absolut ungeeignet; hier reicht die Statik nicht aus, die Putzoberfläche kann reißen.

Efeu muss nicht immer düster wirken: Hier wächst die Sorte gold-bunt (Hedera helix „Goldheart“) am Theoretikum, Im Neuenheimer Feld 346.
Wilder Wein hält sich mit „Füßchen“ fest.
Efeulianen dringen in Spalten im Mauerwerk ein; das gilt auch für Blauregen und Wilden Wein. Sie alle bilden sog. „lichtfliehende“ Triebe, die auch vom Licht weg ins Dunkle wachsen.
Warum nicht mal einen Kirchturm beranken? Der schlichte Betonbau gewinnt nicht nur optisch durch das üppige Grün. Allerdings muss man darauf achten, den Efeu vom Glockenstuhl fernzuhalten; die St. Thomas-Kirche, Freiburger Straße 4, Rohrbach.

Anhänglich: Die Ranker

Rankpflanzen halten sich mit korken­zieherartig gewundenen Ranken an der Kletterhilfe fest. Als Unterstützung zum Klettern an der Wand kommen Seile oder Netze infrage. Beispiele: Passionsblume (Passiflora), Waldrebe (Clematis).

Clematis gibt es in vielen Sorten; hier wird ein Zaun verschönert und ökologisch aufgewertet.
Fruchtstände der Clematis: Sie bleiben den ganzen Winter über bestehen. Ein toller Blickfang vor allem im Gegenlicht und im Raureif.

Gewunden: Die Schlinger

Das Immergrüne Geißblatt (Lonicera Henryi) wächst schlingend, d.h. es windet sich um ein Gitter oder Ähnliches, ohne mit der Aufstiegshilfe eine feste Verbindung einzugehen. Als Unterstützung zum Klettern eignen sich Seile oder Gitternetze. Die Pflanze ist schnellwüchsig und zeigt attraktive gelb-rote trompetenförmige Blüten. Anders als z.B. der Wilde Wein, der mit seinen Trieben auch Lücken zwischen Häusern überwinden kann, wächst das Immergrüne Geißblatt genau entlang der Seile oder Netze, versucht also nicht, neue Gebiete außerhalb zu erobern.

Begrünung mit Immergrünem Geißblatt am Parkhaus der Medizinischen Klinik, Im Neuenheimer Feld.
Kennzeichen der Schlinger: Sie umwinden die Kletterhilfe, ohne mit ihr eine feste Verbindung einzugehen.
So klappt’s mit der Begrünung auch am Passivhaus: mit Rankgerüsten und -netzen. Frisch austreibende Kiwipflanzen am Langen Anger, Bahnstadt. Wer genau schaut, entdeckt (in der Vergrößerung) am Pfeiler rechts noch Kiwifrüchte vom Vorjahr.
Ein anderes Beispiel, wie Begrünung in der Bahnstadt funktioniert: Die empfindliche gedämmte Fassade nimmt durch Rankhilfen (und die geeignete Auswahl von Kletterpflanzen) keinen Schaden.

Kaum zu bändigen: Starkschlinger Blauregen

Der Blauregen (Wisteria) ist starkwüchsig und seine Triebe verholzen mit der Zeit kräftig; so kann es sein, dass ihm nach und nach sogar fest verankerte Rankhilfen buchstäblich nicht mehr gewachsen sind. Keinesfalls sollte man den Blauregen an Dach- und Regenrinnen etc. entlangwachsen lassen, denn hier kommt es unweigerlich zu Schäden. Der Blauregen ist in allen Teilen stark giftig.

Blauregen als Sichtschutz und Beschattung an der Glockengießerei, Bergheim.
Die Bezeichnung „Starkschlinger“ trägt der Blauregen zurecht. Hier winden sich mächtige Blauregenlianen durchs Efeu.
Der grüne Pelz aus Blauregen musste ab – er war zu üppig geworden; Theoretikum Im Neuenheimer Feld.

Boden­gebun­dene oder container­gebun­dene Fassaden­begrünung?

Am unaufwendigsten und häufigsten ist die boden­gebun­dene Fassaden­begrünung. D.h. die Rank- oder Kletterpflanze wächst vom Boden aus die Fassade hinauf. Dafür genügt schon ein recht kleines Stück offener Boden.

Bei Kletter­pflanzen muss man nicht befürchten, dass etwa die Pflasterung durch die Wurzeln angehoben wird. Denn anders als bei Bäumen, bei denen die Wurzeln auch der Verankerung und Stütze dienen und die daher entsprechend kräftig sind, müssen die Wurzeln von Kletterern nur Wasser und Nährstoffe transportieren. Daher verdicken sich ihre Wurzeln nicht.

Der Blauregen benötigt keine zusätzliche Düngung: Er holt sich den Stickstoff aus der Luft.

Nur ein schmaler Streifen offener Boden genügt für solch kräftige Lianen und eine enorme Blatt- und Blütenmasse. Durch die Ritzen der Pflasterung dringt genügend Regenwasser in den Boden.

Eine andere Möglichkeit der Fassaden­begrünung erfolgt von oben herab, also hängend, z.B. vom Dach eines Gebäudes. Hier muss man mit Containern arbeiten, die dann aber regelmäßig gegossen werden müssen.

Als Bepflanzung eignet sich z.B. der gelb blühende Winter­jasmin (Jasminum nudiflorum).

Winterjasmin am Zoo-Parkhaus, Eingangsbereich.

Stylish, aber aufwendig und teuer ist die integrierte (wand­gebun­dene) Begrünung.

Derzeit entsteht mit dieser Technik ein spektakuläres Objekt des DKFZ im Neuenheimer Feld – jedenfalls dem Schaubild nach zu urteilen.

So soll es mal aussehen – das komplett begrünte Gebäude. Der Rohbau steht schon. Standort: Zwischen Klausenpfad und Im Neuenheimer Feld 530.

Wand­gebun­dene Begrünung im schicken Karlsberg Carré in Weinheim – so etwas geht auch an einer Außenfassade.

Jede Pflanze steckt in einem eigenen Pflanzgefäß. Die Behälter werden automatisch mit Wasser und Nährstoffen versorgt.

IN-DOOR-BEGRÜNUNG Lebende grüne Wand – toller Blickfang im Karlsberg Carré in Weinheim.

Fassaden­begrünung ist eine einfache und effektive Maßnahme, um Hitzeinseln im inner­städti­schen Raum zu mildern. Soll eine Begrünung nachträglich am Haus durchgeführt werden, zieht man am besten einen Fach­mann zu Rate, um Schäden zu vermeiden.


Quellen/weitere Infos:

Info-Radtour zum Thema Fassaden­begrünung am 20.02.2022 unter der Leitung von Frank Wetzel, Biobaumgärtner.

Viele Anregungen und Tipps hält folgende Website des Nabu bereit: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/grundlagen/dach-wand/28549.html