Klimawandel: Neue Stadtbaumarten gesucht

Noch überwiegen im Heidelberger Stadtgebiet die einheimischen Arten bei Weitem. Allerdings wächst der Anteil an gebiets­­­­fremden Bäumen, besonders aus dem mediterranen Raum, in den letzten Jahren stetig.

Verbreitete heimische Baumarten erkranken zunehmend

Der Grund: Viele unserer gängigen einheimischen Stadtbaumarten haben bereits jetzt große Probleme, der klimatischen Entwicklung standzuhalten, wie Kastanie, Ahorn, Esche, Platane, Linde.

In den vergangenen fünf Jahren ist überraschend noch die eigentlich robuste Hainbuche als Problembaum dazugekommen: Die als Hecke, Klein- und Großbaum bewährte Baumart fällt einem in Deutschland neu aufgetretenen Rindenkrebs in großer Zahl zum Opfer – und zwar nur im städtischen Umfeld, nicht im Wald.

Linde mit kahlen Ästen, Kronenverkahlung, Verkahlung, Stigmina pulvinata
Linde auf dem Alois-Link-Platz: Hier sind nahezu alle Linden krank. Die Krone der abgebildeten Linde zeigt beginnende Verlichtung und erste dürre Äste.
Linde mit kahlen Ästen, Kronenverkahlung, Verkahlung, Stigmina pulvinata
Linde auf dem Alois-Link-Platz: Der Pilz Stigmina pulvinata bewirkt das Absterben von großen Ästen; die Kronen verkahlen. Bei dieser Linde ist die Erkrankung schon weit fortgeschritten.

Starker Hitze- und Trockenstress im städtischen Umfeld
Der Hitzestress in der Stadt ist besonders ausgeprägt, weil die Stadtbäume oft allein stehen, also keinen Baumnachbarn haben, der Schatten spendet. Hinzukommt, dass Gebäude, gepflasterte Plätze und geteerte Verkehrswege auch nachts noch Wärme abstrahlen (Hitzeinsel-Effekt).

Meist verdursten die Stadtbäume in langen Hitze- und Trockenphasen nicht direkt. Aber durch die mangelnde Feuchtigkeit funktionieren ihre Abwehrmechanismen gegen neue und alte Schädlinge schlecht oder gar nicht mehr. Das Absterben kann sich über einige Jahre hinziehen.

Verbreitete exotische Stadtbaumarten in Heidelberg

Exotische Baumarten, die sich bei uns seit Jahren bewährt haben, sind: GinkgoAmberbaum (als Ersatz für Ahorne), Baumhasel, SilberlindeBlauglocken-, Tulpen– und Lederhülsenbaum; sie tauchen daher immer öfter im Heidelberger Stadtgebiet auf. Seit vergangenem Jahr experimentiert die Stadtgärtnerei auch mit der Japanischen Zelkove (aus der Familie der Ulmengewächse).

Tulpenbaum mit goldgelber Herbstfärbung, Klimawandelgehölz, Zukunftsbaum
Tulpenbaum.
Baumhasel, Türkische Hasel, Corylus colurna, Habitus, Klimabaum, Klimabaumart, Klimawandelgehölz
Baumhasel.

Nach welchen Kriterien werden neue Baumarten ausgewählt?

Es braucht also neue Baumarten, die mit den extremer werdenden Bedingungen in der Stadt fertigwerden. Doch welche sind das und nach welchen Kriterien werden sie ausgewählt?

Welche Baumart wo funktioniert, hängt immer vom jeweiligen Standort ab.  Bei der Wahl von Baumarten bzw. -sorten für einen bestimmten Standort achtet man auf:

• Trockenstresstoleranz
• Frosthärte, Spätfrosthärte (das ist auch hier in Heidelberg wichtig)
• Wie sieht der natürliche Lebensbereich aus?
• Standortansprüche, vor allem pH-Toleranz
• Krankheits- und Schädlingsanfälligkeit
• Wie bewährt sich der Baum in der Praxis?
• Wuchsform (z.B. sind breitkronige Bäume nur für Parks geeignet, als Straßenbäume hingegen wählt man Arten bzw. Sorten mit geradem Stamm und schlanker Silhouette.

Gesammeltes Stadtbaumwissen

1. Die aktuelle „GALK-Liste“
Orientierung zur Eignung von Baumarten für das städtische Umfeld bietet z.B. die sog. GALK-Liste. GALK steht dabei für Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK e.V.). Schon 1975 wurde in Krefeld von diesem Verein der Arbeitskreis „Stadtbäume“ gegründet mit dem Ziel, eine Empfehlungsliste für Stadtbäume zu erarbeiten.

Von 1995–1999 führte der Arbeitskreis „Stadtbäume“ erstmals einen Straßenbaumtest mit neuen Baumarten und -sorten in verschiedenen Städten unter genau festgelegten Bedingungen durch. An dem Test waren verschiedene Städte aus dem gesamten Bundesgebiet beteiligt.

Von 2005–2015 erfolgte eine Überarbeitung der Straßenbaumliste aufgrund weiterer Tests. Die Liste kann u.a. online eingesehen werden (s.u. Link).

2. Langzeit Forschungsprojekt der Bayer. LWG in Veitshöchheim
Von 2010–2021 lief das Langzeitprojekt „Stadtgrün“ der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau in Veitshöchheim mit dem Ziel, die am besten für die Zukunft geeigneten Stadtbäume zu ermitteln.

An drei Standorten mit sehr unterschiedlichen klimatischen Bedingungen wurden insgesamt 30 trockenheitsverträgliche Versuchs­baumarten gepflanzt; sie stammen aus (Süd-)Osteuropa, Nordamerika und Asien.

Ausgewählt als repräsentative Standorte wurden:

  • Würzburg (mildes Weinbauklima mit längeren Trockenperioden),
  • Kempten (ge­mäßigtes Voralpenklima mit reichlich Niederschlag) und
  • Münchberg bei Hof (kontinentales Klima mit viel Frost).

Die Ergebnisse der Langzeitstudie liegen nun für die drei repräsentativen Standorte vor und können u.a. online eingesehen werden (s.u. Literatur).

3. Erfahrungen und Wissen des Stadtgärtnerinnen und -gärtner vor Ort
Die erwähnten Stadtbaumlisten und Forschungsergebnisse geben erste Orientierung. Aber letztlich ist entscheidend, wie sich die betreffenden Baumarten und -sorten dann tatsächlich vor Ort am konkreten Standort bewähren. Selbst innerhalb eines Stadtgebiets herrschen ja oftmals sehr unterschiedliche Bedingungen. Hier sind das Wissen und die langjährige Erfahrung des Stadtgärtnerteams gefragt, das schon seit vielen Jahren mit exotischen Baumarten experimentiert.

Die Stadtgärtner haben an 16 Stellen auf dem Stadtgebiet eigene Ver­suchs­flächen angelegt, um möglichst passgenau die hier vor Ort zukunfts­fähigen Baumarten zu ermitteln. Ähnlich verfährt die Universität mit dem Baumbestand auf ihren Flächen.

Versuchspflanzung mit Jungbäumen unterschiedlicher Arten an den Marsilius-Arkaden, Im Neuenheimer Feld.

Zum Nach- und Weiterlesen:

Volker Mrasek (16.07.2019):„Gefahr für Laubbäume durch Rindenkrebs“ (Beitrag im DLF).
https://www.deutschlandfunk.de/gefahr-fuer-laubbaeume-rindenkrebs-durch-klimastress-100.html

https://galk.de/arbeitskreise/stadtbaeume/themenuebersicht/strassenbaumtest-1

Die Forschungsergebnisse des Projekts „Stadtgrün 2021“ werden übersichtlich auf einem Online-Flyer präsentiert.
https://www.lwg.bayern.de/mam/cms06/landespflege/dateien/lwg_stadtgruen_falzflyer_bf.pdf

Vorstellung des Projekts „Stadtgrün 2021“ der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau unter der Leitung von Dr. Susanne Böll; hier auch viel weiterführende Literatur.
https://www.lwg.bayern.de/landespflege/urbanes_gruen/085113/index.php

Böll, S. (2017): 7 Jahre „Stadtgrün 2021“ – Einfluss des regionalen Klimas auf das Baumwachstum an drei bayerischen Standorten. Jahrbuch der Baumpflege, S. 91-114.

Böll, S., K. Körber, P. Schönfeld (2016): Forschungsprojekt Stadtgrün 2021 – neue Bäume braucht das Land. Plakat, Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau, Institut für Stadtgrün und Landschaftsbau (Hrsg.), Veitshöchheim.

Philipp Schönfeld (07.09.2018): „Klimabäume: welche Arten sind zukunftsträchtig?“; auch in: Pro Baum 03/2018.https://stadtundgruen.de/artikel/klimabaeume-welche-arten-sind-zukunftstraechtig-9570.html

Andreas Roloff: „Bäume in der Stadt“, Stuttgart 2013. Ein großartiges Standardwerk rund um unsere Stadtbäume.