Pflanze ohne Blattgrün: die Vogel-Nestwurz

Zugegeben, ein Hingucker ist die Vogel-Nestwurz nicht gerade. Und doch lohnt sich definitiv ein näherer Blick.  

Auffällig ist zunächst die extreme Unauffälligkeit der Pflanze. Mit ihrer Farbpalette zwischen beige und braun erinnert sie eher an Pilze als an eine Blume. Allerdings weist sie die Gestalt ihrer Blüten eindeutig als Orchidee aus. Sie kommt in fast ganz Europa vor.

Ein schlichtes Erscheinungsbild kennzeichnet diese heimische Orchidee: die Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis). Sie blüht zur Zeit im Botanischen Garten (z.B. auf der großen Baumwiese bei den Platanen). Ihre Größe reicht von 15-40 cm.

Die Vogel-Nestwurz in freier Wildbahn zu entdecken ist schwierig, nicht nur wegen ihrer Tarnfarbe. Denn häufig wächst sie ganz versteckt im Wald und gedeiht selbst an sehr dunklen Stellen. Für ihr Wachstum ist sie nämlich nicht auf Sonnenlicht angewiesen.

Anders als die meisten anderen Pflanzen besitzt die Vogel-Nestwurz kein Blattgrün und betreibt folglich auch keine Fotosynthese. Aber wovon ernährt sie sich? Was ist ihr Trick?

Schmarotzen als Überlebensprinzip

Wie man heute sehr genau weiß, besteht zwischen Bäumen und Pilzen eine Symbiose, also eine für beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit. Die Feinwurzeln der Bäume sind unterirdisch von einem Pilzgeflecht umhüllt; besonders dicht ist das Pilzgeflecht an den Wurzelspitzen. Der Fachbegriff für das Gebilde aus Pilzgeflecht und Wurzelspitzen ist „Myko-rrhiza“ (griech. für „Pilz-Wurzel“).

Das gemeinsame „Netzwerken“ von Pilz und Baum über das Mykorrhiza-Geflecht dient der gegenseitigen besseren Versorgung mit Wasser und Nährstoffen.

In dieses gut funktionierende Netzwerk klinkt sich die Nestwurz einfach ein und holt sich von dem Pilz, was sie braucht, ohne Gegenleistung zu erbringen. Sie ist damit ein sog. „Vollschmarotzer“.

Der Name „Vogel-Nestwurz“

„Wurz“ ist eine alte Bezeichnung für „Pflanze“, die schon im Alt- und Mittelhochdeutschen gebräuchlich war. Ihr unterirdisches Rhizomgeflecht erinnert von der Form her an ein Vogelnest.

Größeres Vorkommen der Vogelnestwurz auf dem Campus im Neuenheimer Feld, Nähe INF 364.

Wo kann man die Vogel-Nestwurz finden?

Zur Zeit blüht die Nestwurz im Botanischen Garten, u.a. auf der großen Baumwiese unter den Platanen (Blütezeit: Mai-Juni). Einige Exemplare haben bereits den Sprung aus dem Botanischen Garten heraus geschafft: In der Nähe des Gebäudes INF 364, gegenüber dem Seiteneingang des Botanischen Gartens, findet sich eine größere Anzahl (s. Foto).

Da der Wind die feinen Samen der Vogel-Nestwurz verweht, ist die Aussaat auch außerhalb des Botanischen Gartens leicht nachvollziehbar. Sie vermehrt sich aber nicht nur über Samen, sondern auch über unterirdische Ausläufer (Rhizome). Die Bestäubung erfolgt z.T. durch Insekten (Fliegen, Ameisen, Thripse), es funktioniert aber auch die Selbstbestäubung. Von der Keimung bis zur ersten Blüte vergehen 9 Jahre.

Natürliches Vorkommen: Die Vogel-Nestwurz bevorzugt kalkhaltige, schattige Buchenwälder. Man findet sie aber auch in Kiefern- und Fichtenhochwäldern.


Zum Nach- und Weiterlesen:

Botanischer Garten Universität Konstanz: „Ökologischer Führer durch die Waldparzelle“, Kapitel 17 „Vogelnestwurz“.

L.C.M. Richard (1817): Vogel-Nestwurz – Neottia nidus-avisOrchidee des Jahres 2002.

Dietrich Böhlmann: Gehölzbiologie, 2. korr. Aufl. Wiebelsheim 2013, (zur „Symbiose mit Pilzen im Wurzelbereich“, S. 157-160).