Highlight des Monats: Die seltsamen Früchte des Milch­orangen­baums

Im Botanischen Garten der Universität Heidelberg stehen zwei Exemplare eines besonders seltenen Baums: Die Rede ist vom Milchorangenbaum (Maclura pomifera), auch Osagedorn genannt. Seine natürliche Heimat liegt in Nordamerika, in einem schmalen Grenzgebiet zwischen Texas, Arkansas und Oklahoma. Das ist zugleich das Siedlungsgebiet der indigenen Osage. Diese Ureinwohner schätzten das Holz des Osagedorns vor allem für die Herstellung von Bogen, denn es ist sehr hart und zugleich elastisch. Eigenschaften, die das Holz zu einer Besonderheit machen.

Außergewöhnliche Früchte

Der Baum selbst ist recht unscheinbar. Seine riesigen, runden Früchte aber sind buchstäblich der Knaller: Sie sind auffällig groß und sehr schwer (bis 1 kg) und fallen einfach ab, wenn sie reif sind. Zur Reifezeit (Okt./Nov.) sollte man sich also keinesfalls unter einem fruchttragenden Baum aufhalten, um nicht eines dieser „Geschosse“ abzubekommen. Gefährlich sind übrigens nur die weiblichen Exemplare des Milchorangenbaums, denn nur sie tragen Früchte. Die beiden Heidelberger Exemplare (ein Paar) stehen mitten auf der großen Wiese im Baumhain des Botanischen Gartens; Spaziergänger sind also durch fallende Früchte nicht gefährdet.

Ein erstaunlich kleiner Stiel trägt die schweren Früchte; sie können bis zu 15cm im Durchschnitt groß werden.
Deutlich erkennbar der weiße, bittere Milchsaft und die Samen im Inneren. Die vielen Einzelfrüchte (= Samen) sind zu einem großen Fruchtstand verwachsen.

Die Haut der Früchte ist dekorativ gefurcht. Zunächst sind die Früchte hellgrün; im Laufe des Reifens nehmen sie eine gelbgrüne Farbe an. Schneidet man eine Frucht durch, so tritt klebriger, weißer Milchsaft aus. Die Früchte erinnern entfernt an Orangen; das hat dem Baum die Bezeichnung Milchorangenbaum eingetragen. Innen in den Früchten sind die braunen Samen enthalten. Mit Orangenbäumen ist der Osagedorn überhaupt nicht verwandt; er zählt zu den Maulbeergewächsen (Moraceae).

Keine tierischen Abnehmer für die Früchte

Eine weitere Besonderheit: Für die riesigen Früchte, die der Baum in großer Zahl erzeugt, interessiert sich buchstäblich kein „Schwein“. Soll heißen, es gibt selbst in der Heimat  kein Tier, das die Früchte frisst. Das ist außergewöhnlich, dienen doch bekanntlich Früchte dazu, tierische Kostgänger anzulocken, die dann die Samen verbreiten.

Fachleute gehen davon aus, dass die „Zielgruppe“ des Osagedorns längst ausgestorben ist. Sehr wahrscheinlich ließen sich vor Zeiten Mammut, Riesennashorn und Riesenfaultier die Früchte schmecken. Heute kann der Osagedorn bei der Verbreitung seiner Früchte bzw. Samen nur auf die Schwerkraft bauen – und auf die Verbreitung durch den Menschen, der ihn als Nutz- und Zierpflanze schätzt.

Der Osagedorn ist zweihäusig: Es gibt nur rein männliche bzw. rein weibliche Bäume. Die weiblichen Bäume produzieren die gewaltigen Früchte in großer Fülle.
Nutzung: Bogen, Eisenbahnschwellen, lebendiger Zaun

Das Holz wird heute noch bevorzugt zum traditionellen Bogenbau verwendet. Früher stellte man aus dem äußerst fäulnisbeständigen Holz Eisenbahnschwellen her.

Die stark bedornten Triebe des Osagedorns wurden von den Siedlern und Rinderzüchtern als lebende Zäune eingesetzt. Das Gehölz diente somit als Vorbild für die Erfindung des Stacheldrahts. Die Früchte allerdings sind auch für Menschen ungenießbar.

Die Rinde ist äußerst knorrig.
Übrigens:

Weitere Exemplare des seltenen Baums sind z.B. im Arboretum des Schwetzinger Schlossgartens, in der Stuttgarter Wilhelma sowie in den Botanischen Gärten in Frankfurt oder Tübingen zu sehen.

Zum Nach- und Weiterlesen:

Barbara Knickmann, Martin Rose: „Milchorange – Objekt des Monats“ (Oktober 2014), Die Sammlungen an der Universität Wien. S. dazu auch das Informationsblatt zu Osagedorn (PDF), erreichbar über denselben Link.

Infotafel des Botanischen Gartens der Universität Tübingen zu den Highlights des Winters, Dezember 2020: „Der Osagedorn mit seinen goldgelben Fruchtständen“.

Der Osagedorn im Botanischen Garten der Universität Heidelberg, erkennbar ist eine noch grüne Frucht (auf etwa zwei Drittel Höhe). Das Foto stammt von Mitte Oktober.